Warum Kosmetikprojekte scheitern: Die strukturellen Ursachen, und wie man sie vermeidet

Warum Kosmetikprojekte scheitern: Die strukturellen Ursachen, und wie man sie vermeidet

12 min read

Jorit Tessmann

Jorit Tessmann

CEO & Founder bei Labtree GmbH

Wenn Kosmetikprojekte scheitern, liegt das selten an einzelnen Fehlern. Es liegt an strukturellen Mustern: Entwicklung ohne reale Basis, späte Muster, sequenzielle Prozesse, fehlende Entwicklungstiefe und Brüche zwischen Entwicklung und Produktion.

Das Thema kurz und kompakt

Kosmetikprojekte scheitern überwiegend an strukturellen Mustern, nicht an Einzelfehlern.

Eine reale Rezepturbasis am Start eliminiert die Entwicklung ins Offene.

Frühe physische Muster verhindern, dass kritische Entscheidungen auf Konzepten getroffen werden.

„Scheitern" ist in der Kosmetikentwicklung selten ein klares Ende. Häufiger sind die Formen:

  • Verschobener Launch: Der Termin wird um Monate verlegt, oft mit Folgewirkung auf die kommerzielle Planung

  • Reduzierter Scope: Aus zehn geplanten Produkten werden fünf, weil andere nicht rechtzeitig entwicklungsfähig waren

  • Stopp und Neustart: Das Projekt wird abgebrochen und mit anderem Partner neu aufgesetzt

  • Launch ohne Substanz: Das Produkt erreicht den Markt, erfüllt aber Performance- oder Stabilitätserwartungen nicht

Aufgrund der Vielzahl an Definitionen variieren öffentliche Zahlen stark. In der Praxis ist es üblich, dass mindestens jedes zweite Kosmetikprojekt von einer dieser Formen betroffen ist, oft ohne dass das öffentlich kommuniziert wird.

Scheitern in der Realität: was es bedeutet

„Scheitern" ist in der Kosmetikentwicklung selten ein klares Ende. Häufiger sind die Formen:

  • Verschobener Launch: Der Termin wird um Monate verlegt, oft mit Folgewirkung auf die kommerzielle Planung

  • Reduzierter Scope: Aus zehn geplanten Produkten werden fünf, weil andere nicht rechtzeitig entwicklungsfähig waren

  • Stopp und Neustart: Das Projekt wird abgebrochen und mit anderem Partner neu aufgesetzt

  • Launch ohne Substanz: Das Produkt erreicht den Markt, erfüllt aber Performance- oder Stabilitätserwartungen nicht

Aufgrund der Vielzahl an Definitionen variieren öffentliche Zahlen stark. In der Praxis ist es üblich, dass mindestens jedes zweite Kosmetikprojekt von einer dieser Formen betroffen ist, oft ohne dass das öffentlich kommuniziert wird.

Ursache 1: Entwicklung ins Offene, ohne reale Rezepturbasis

Die häufigste strukturelle Schwachstelle ist der Start. Wenn ein Kosmetikprojekt mit einem abstrakten Konzept beginnt, „eine reichhaltige Tagescreme mit Anti-Aging-Wirkung", ohne Bezug zu real umsetzbaren Rezepturen, ist die Entwicklung in den ersten Wochen reine Suche.

Das produziert zwei Probleme:

  • Die Anforderungen werden mehrfach präzisiert, weil unklar ist, was umsetzbar ist

  • Wirkstoffkonzepte werden gewählt, ohne dass Stabilität, Performance und Verträglichkeit bekannt sind

Die Antwort ist strukturell: ein klarer Ausgangspunkt. Bei Labtree dienen über 1.000 eigene Rezepturen als Basis. Marken sehen früh, welche Produktbasis passt und welche Anpassungen realistisch sind. Damit beginnt die Entwicklung nicht mit Unsicherheit, sondern mit einer greifbaren Produktbasis.

Ursache 2: Späte physische Muster, Entscheidungen auf Konzepten statt auf Realität

Wenn die ersten physischen Muster erst Wochen oder Monate nach Projektstart vorliegen, werden zwischenzeitlich viele Entscheidungen auf Basis von Konzeptpapieren getroffen. Sobald die Muster da sind, müssen häufig Themen geöffnet werden, die als geklärt galten, Textur passt nicht, Anwendung fühlt sich anders an als erwartet, Performance entspricht nicht der Vorstellung.

Die Folge: Bemusterungs-Schleifen, die in der Kalkulation nicht eingeplant waren.

Die strukturelle Antwort ist Geschwindigkeit in der Bemusterung. Standardmuster vorqualifizierter Rezepturen werden bei Labtree innerhalb von 24 Stunden aus dem Musterlager versendet, der Versand ist für Kunden kostenfrei. Das verschiebt Entscheidungen aus der Konzeptphase in die Realitätsphase.

Ursache 3: Sequenzielle Prozesse, Verpackung, Zulassung und Produktion nacheinander

In klassischen OEM-Strukturen läuft der Prozess sequenziell: Erst Rezeptur, dann Verpackung, dann Zulassung, dann Produktion. Diese Reihenfolge wirkt logisch, produziert aber Engpässe an jedem Übergang:

  • Verpackung wird gewählt, nachdem die Rezeptur final ist, Inkompatibilitäten werden spät sichtbar

  • Sicherheitsbewertung startet, wenn Rezeptur und Verpackung stehen, Auffälligkeiten erzwingen Anpassungen

  • Produktionsfähigkeit wird am Ende geprüft, wenn etwas nicht produzierbar ist, wird die Rezeptur erneut angepasst

Jeder dieser Punkte ist potenziell projektgefährdend, wenn er erst spät entdeckt wird.

Die strukturelle Antwort ist eine frühe parallele Berücksichtigung. Verpackung, Design, regulatorische Anforderungen und Produktionsfähigkeit werden früh parallel zur Rezepturentwicklung mitgedacht, statt erst nach der finalen Rezepturfreigabe adressiert zu werden. Die finale regulatorische Freigabe und der Produktionsstart erfolgen weiterhin nach Abschluss der Rezeptur, aber die vorbereitenden Schritte sind dann bereits weit fortgeschritten. So verschiebt sich die Logik von einem Stafettenlauf zu einem orchestrierten Parallelprozess.

Ursache 4: Fehlende eigene Entwicklungstiefe beim Partner

Wenn der Entwicklungspartner Rezepturen nur auswählt, statt sie selbst zu entwickeln und zu testen, bleiben kritische Anpassungsschritte außerhalb seiner Kontrolle. Das wird sichtbar, wenn:

  • Rezepturanpassungen lange dauern, weil sie an externe Labore weitergegeben werden müssen

  • Stabilitätsprobleme erst spät erkannt werden, weil Test-Batches nicht inhouse möglich sind

  • Produktionsanforderungen nicht früh in die Entwicklung einfließen, weil die Beteiligten organisatorisch getrennt sind

Die strukturelle Antwort ist eigene Entwicklungskompetenz. Bei Labtree verfügen wir über ein eigenes Labor und eigene Entwicklungskompetenz. Rezepturen werden nicht nur ausgewählt, sondern gezielt entwickelt, getestet und angepasst. Zusätzlich können kleinere Test-Batches inhouse produziert werden, um Produkte früh real zu validieren und sicher in die Produktion zu überführen.

Vertiefende Quellen: Rechtliche Grundlage für alle in der EU vertriebenen kosmetischen Produkte ist die EU-Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009. Die gesundheitliche Bewertung von Inhaltsstoffen liegt in Deutschland beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Brancheninformationen und Marktdaten veröffentlicht der Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW).

Ursache 5: Später Produktions-Übergang, der letzte Schritt scheitert am Bruch

Der gefährlichste Moment in einem Kosmetikprojekt ist häufig der Übergang von Entwicklung zu Produktion. Wenn die Produktionsfähigkeit erst am Ende geprüft wird, sind späte Anpassungen sehr kostspielig:

  • Eine Rezeptur, die im Labor stabil ist, kann unter Produktionsbedingungen Probleme zeigen

  • Verpackung, die im kleinen Maßstab funktioniert, kann in der Befüllanlage Komplikationen verursachen

  • Skalierungseffekte auf Wirkstoff-Stabilität oder Textur sind in kleinen Chargen nicht sichtbar

Die strukturelle Antwort: Produktionsfähigkeit muss früh in der Entwicklung berücksichtigt werden. In der Praxis bedeutet das, dass Skalierungsfragen während des Prototypings beantwortet werden, nicht erst im Produktionsschritt.

Ein Praxisbeispiel: Eine Kosmetikmarke validierte ein Produkt erfolgreich im PoC und stand vor der Skalierung für dm. Weil Rezeptur, Verpackung, Dokumentation und Produktionsfähigkeit bereits früh mitgedacht wurden, musste die Skalierung nicht neu aufgesetzt werden, der Übergang lief koordiniert.

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Wie Marken die strukturellen Ursachen früh erkennen

Wie Marken die strukturellen Ursachen früh erkennen

Wie Marken die strukturellen Ursachen früh erkennen

Die fünf Ursachen lassen sich an konkreten Signalen erkennen, die früh im Projekt sichtbar sind:

  • Briefing-Phase dauert länger als zwei Wochen ohne Bezug zu einer realen Basis → Risiko: Entwicklung ins Offene

  • Erste physische Muster werden für Woche 6 oder später angekündigt → Risiko: Späte Bemusterung

  • Verpackungsauswahl ist nicht parallel im Prozess → Risiko: Sequenzielle Übergaben

  • Anpassungen an Rezepturen werden über externe Dienstleister abgewickelt → Risiko: Fehlende Entwicklungstiefe

  • Produktionsfähigkeit ist nicht Teil der Prototyping-Phase → Risiko: Später Produktions-Übergang

Wer diese Signale früh prüft, kann strukturell gegensteuern, bevor das Projekt in eine der Scheiterns-Formen kippt.

Der 5-Phasen-Prozess als Antwort

Der 5-Phasen-Prozess als Antwort

Der 5-Phasen-Prozess als Antwort

Die strukturellen Ursachen für Scheitern lassen sich entlang eines Phasenmodells adressieren:

  1. Konzeptionierung: Statt offener Suche werden Anfragen passenden Produkten und Rezepturbasen zugeordnet. Antwort auf Ursache 1.

  2. Bemusterung: Standardmuster innerhalb von 24 Stunden, kostenfreier Versand. Antwort auf Ursache 2.

  3. Individualisierung: Gezielte Anpassung statt Neuentwicklung, mit eigenem Labor und eigener Entwicklungskompetenz. Antwort auf Ursache 4.

  4. Prototyping: Produkt und Verpackung parallel, Design und Zulassung mit eingebunden. Antwort auf Ursache 3.

  5. Produktion: Übergang koordiniert, Produktionsfähigkeit bereits in den vorherigen Phasen berücksichtigt. Antwort auf Ursache 5.

Der Prozess ist keine Garantie. Er reduziert aber die Wahrscheinlichkeit der typischen Scheiterns-Muster strukturell.

Was außerhalb des prozessualen Hebels liegt

Was außerhalb des prozessualen Hebels liegt

Was außerhalb des prozessualen Hebels liegt

Manche Risiken bleiben unabhängig vom Prozess:

  • Marktentwicklungen: Ein Produkt kann technisch fertig sein, aber durch Marktveränderungen seine kommerzielle Begründung verlieren

  • Regulatorische Änderungen: Neue Auflagen während der Entwicklung können Anpassungen erzwingen

  • Strategische Pivots auf Markenseite: Wenn sich die Anforderungen grundlegend ändern, ist ein Reset Teil der Realität

Realistisch ist das Ziel daher nicht „null Scheitern", sondern die strukturellen Hebel zu nutzen und damit das Risiko auf das zu reduzieren, was außerhalb des Prozesses liegt.

FAQ

Hat Labtree ein eigenes Labor?

Ja. Labtree verfügt über eigene Entwicklungskompetenz inklusive Labor. Dadurch können Rezepturen nicht nur ausgewählt, sondern gezielt entwickelt, getestet und angepasst werden. Zusätzlich können kleinere Test-Batches inhouse produziert werden, um Produkte früh real zu validieren und sicher in die Produktion zu überführen.

Welcher Anteil von Kosmetikprojekten erreicht den geplanten Launch-Termin?

Belastbare öffentliche Zahlen variieren, weil „Scheitern" unterschiedlich definiert wird. In der Praxis ist es üblich, dass mindestens jedes zweite Projekt eine Form von Verzögerung, Scope-Reduktion oder Stopp erlebt. Die genaue Zahl hängt stark vom Reifegrad des Entwicklungspartners ab.

Was ist der wichtigste Hebel, um Scheitern zu vermeiden?

Ein klarer Startpunkt mit einer real umsetzbaren Rezepturbasis. Daraus folgt fast alles andere: schnellere Bemusterung, gezielte Individualisierung, parallele Umsetzung. Ohne diesen Anker bleibt der Prozess teilweise reine Suche.

Welche Rolle spielen digitale Werkzeuge bei der Vermeidung von Scheitern?

Digitale Werkzeuge unterstützen Transparenz, Dokumentation und Abstimmung im Entwicklungsprozess und sind ein wertvoller Bestandteil eines sauberen Setups. Die zugrunde liegende Entwicklungslogik und die Reihenfolge der Prozessschritte, Rezepturbasis am Start, frühe Muster, früh parallel berücksichtigte Verpackung und Zulassung, früh geprüfte Produktionsfähigkeit, bleiben jedoch der zentrale Faktor, um die fünf typischen Ursachen für Scheitern strukturell zu reduzieren.

Wie früh kann man erkennen, dass ein Projekt scheitern könnte?

Häufig in den ersten vier bis sechs Wochen. Wenn die Briefing-Phase ohne Bezug zu einer realen Basis lange dauert, wenn erste Muster auf Woche 6 oder später angekündigt werden, oder wenn Verpackungsauswahl und Zulassung sequenziell statt parallel angesetzt sind, ist das Risiko strukturell erhöht.

Was unterscheidet einen Entwicklungspartner mit eigenem Labor von einem reinen Vermittler?

Ein Partner mit eigenem Labor kann Rezepturen entwickeln, anpassen und in Test-Batches validieren, ohne externe Übergaben. Das verkürzt Anpassungs- und Validierungs-Zyklen deutlich und erhöht die Sicherheit beim Übergang in die Produktion.

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